Akuter Schmerz schützt den Körper, indem er auf Verletzungen, Entzündungen oder andere Belastungen aufmerksam macht. Bei länger anhaltenden Beschwerden geht diese Warnfunktion verloren. Der Schmerz weicht dann zunehmend von dem ursprünglichen körperlichen Auslöser ab. Für die medizinische Beurteilung reicht es deshalb nicht aus, ausschließlich die betroffene Körperstelle zu untersuchen. Krankheitsverlauf, frühere Diagnosen, vorhandene Befunde und bereits durchgeführte Behandlungen müssen im Kontext betrachtet werden.
Kurzfassung
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Chronischer Schmerz ist mehr als ein lang anhaltendes Symptom
Akuter Schmerz besitzt einen erkennbaren Auslöser. Nach einer Verletzung oder Entzündung melden Schmerzrezeptoren eine mögliche Schädigung. Verschwindet die Ursache, lässt normalerweise auch der Schmerz nach. Bei chronischen Beschwerden geht dieser zeitliche Zusammenhang verloren.
Länger anhaltende Schmerzreize verändern die Verarbeitung von Schmerz-Signalen im Nervensystem. Entsprechende Schmerzreize werden dann mitunter stärker wahrgenommen als zuvor. Selbst Berührungen oder Bewegungen, die normalerweise keine Beschwerden verursachen, können schmerzhaft werden. Solche Veränderungen erklären, weshalb die Stärke chronischer Schmerzen nicht dem Ausmaß einer sichtbaren Gewebeschädigung entspricht. Zum Beschwerdebild gehören mitunter weitere Symptome. Schlafstörungen, verminderte körperliche Aktivität oder seelische Belastungen können mit einem langwierigen Schmerzgeschehen verbunden sein. Körperliche und psychische Vorgänge können die Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen beeinflussen.
Bildgebende Befunde müssen zu den Beschwerden passen
Eine Magnetresonanztomografie kann Veränderungen an Bandscheiben, Wirbeln oder anderen Strukturen sichtbar machen. Solche Aufnahmen beantworten jedoch nicht die Frage, wodurch ein bestimmter Schmerz ausgelöst wird. Ein bildgebender Befund erhält seine medizinische Aussagekraft erst zusammen mit den Beschwerden und den Ergebnissen der körperlichen Untersuchung.
Bei Rückenschmerzen wird beispielsweise untersucht, ob Beschwerden auf einen Bereich begrenzt bleiben oder in Arme beziehungsweise Beine ausstrahlen. Taubheitsgefühle, Veränderungen der Muskelkraft oder andere neurologische Auffälligkeiten liefern weitere Hinweise. Auch die Frage, bei welchen Bewegungen Schmerzen auftreten oder nachlassen, gehört zur Untersuchung.
Bei länger anhaltenden Beschwerden sind in einer Einrichtung für spezielle Schmerztherapie verschiedene medizinische Fachrichtungen an der Untersuchung beteiligt. Neurochirurgie, Anästhesiologie, Psychotherapie und spezielle Schmerztherapie betrachten das Schmerzgeschehen aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln. Eine fachübergreifende Untersuchung ist insbesondere bei langjährigen Beschwerden oder nach mehreren Vorbehandlungen empfehlenswert.
Die Krankheitsgeschichte liefert diagnostische Hinweise
Eine Schmerzanamnese beginnt mit dem zeitlichen Verlauf der Schmerzen. Das Erstauftreten der Schmerzen, Veränderungen der Schmerzstärke und mögliche Auslöser helfen bei deren Einordnung. Auch die Art des Schmerzes liefert Hinweise. Brennende oder elektrisierende Empfindungen werden anders beurteilt als dumpfe oder bewegungsabhängige Beschwerden.
Frühere Behandlungen ergänzen diese Angaben. Dazu zählen unter anderem Medikamente, physiotherapeutische Maßnahmen, Injektionen und bereits vorgenommene Eingriffe. Neben der Art einer früheren Therapie wird auch deren bisherige Wirkung betrachtet. Von Interesse ist dabei, ob sich die Beschwerden verändert haben und wie lange eine mögliche Besserung angehalten hat.
Zur Anamnese gehören auch schmerzbedingte Einschränkungen im Alltag. Probleme beim Gehen, längerem Sitzen, Schlafen oder bei bestimmten Bewegungen zeigen, in welchen Situationen der Schmerz tatsächlich auftritt. Auf diese Weise entsteht ein Verlaufsmuster, das über die Angabe einer einzelnen Zahl auf einer Schmerzskala weit hinausgeht.
Konservative Verfahren bei chronischen Schmerzen
Bei chronischen Schmerzen werden mehrere nicht operative Behandlungsverfahren eingesetzt . Dazu gehören je nach Ursache und Beschwerdebild Medikamente, Physiotherapie beziehungsweise Krankengymnastik und Infiltrationen. Welche Behandlung angewendet wird, ergibt sich aus der Schmerzart, der betroffenen Körperregion und den Ergebnissen der ärztlichen Untersuchung.
Medikamente können Schmerzen und entzündliche Vorgänge beeinflussen. Bei der Auswahl eines Wirkstoffs werden die Art der Schmerzen, bestehende Erkrankungen und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten berücksichtigt. Bei einer längerfristigen Einnahme müssen Dosierung, Wirkung und Nebenwirkungen ärztlich kontrolliert werden.
Physiotherapie umfasst Übungen zur Beweglichkeit, Muskelkraft und körperlichen Belastbarkeit. Krankengymnastische Übungen können beispielsweise eingesetzt werden, wenn bestimmte Bewegungsabläufe eingeschränkt sind oder körperliche Aktivität aufgrund der Beschwerden über längere Zeit zurückgegangen ist. Die Übungen werden anhand der festgestellten Bewegungseinschränkungen und körperlichen Belastbarkeit ausgewählt.
Infiltrationen unterscheiden sich von einer allgemeinen medikamentösen Behandlung. Medikamente werden hierbei gezielt in den Zielbereich eingebracht, der als möglicher Ausgangspunkt der Beschwerden identifiziert wurde. Abhängig vom untersuchten Schmerzursprung können Infiltrationen dann an bestimmten Bereichen der Wirbelsäule oder in der unmittelbaren Nähe betroffener Nerven erfolgen.
Neuromodulation bei ausgewählten Schmerzformen
Konservative Behandlungen führen bei lang anhaltenden Beschwerden nicht in jedem Fall zu einer ausreichenden Linderung. Bleiben starke Beschwerden trotz vorausgegangenen Behandlungen bestehen, kann bei bestimmten Schmerzformen eine Neuromodulation zur Anwendung kommen. Bei diesem Verfahren zielen gezielte elektrische Impulse darauf ab, die Weiterleitung von Schmerzsignalen zu beeinflussen.
Behandlungsergebnisse bestehen nicht nur aus Schmerzstärken
Die Entwicklung chronischer Beschwerden lässt sich über einen längeren Zeitraum beobachten. Eine numerische Schmerzskala erfasst zwar die subjektiv wahrgenommene Intensität, bildet den gesundheitlichen Verlauf jedoch nur teilweise ab.
Aussagekräftig können ebenso Veränderungen der körperlichen Belastbarkeit sein. Eine längere Gehstrecke, weniger Unterbrechungen des Schlafs oder die Wiederaufnahme bestimmter Alltagsaktivitäten beschreiben andere Bereiche des Verlaufs. Solche Beobachtungen ergänzen die isolierten Angaben zur Schmerzstärke.
Im Verlauf einer Schmerzbehandlung können Anpassungen erforderlich werden. Bleibt die angestrebte Wirkung eines Medikaments aus oder treten Nebenwirkungen auf, werden Dosierung, Präparat oder weitere therapeutische Schritte ärztlich überprüft und gegebenenfalls angepasst.
Fazit
Chronische Schmerzen verlieren mit der Zeit ihre Warnfunktion. Ihre medizinische Beurteilung stützt sich deshalb auf mehr als einzelne bildgebende Befunde. Schmerzverlauf, körperliche Untersuchung, Begleitsymptome, frühere Behandlungen und Einschränkungen im Alltag werden deshalb gemeinsam beurteilt.
Bei lang anhaltenden oder schwer einzuordnenden Beschwerden sind mehrere Fachrichtungen an Diagnostik und Behandlung beteiligt. Konservative Maßnahmen, medikamentöse Behandlung, Psychotherapie sowie ausgewählte interventionelle Verfahren haben unterschiedliche Einsatzgebiete. Welche Vorgehensweise medizinisch infrage kommt, richtet sich nach dem konkreten Befund und dem bisherigen Verlauf.
